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Vernetzung für Solidarität und kollektive Selbstermächtigung

Gewerkstadt – Der Stadtteil als die Fabrik des 21. Jahrhunderts?

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Das politische Potential des Transformativen Community Organizing (TCO) im Leipziger Osten

„Crimespot oder Multikulti-Wunderland?“. Dieser vom ZDF aufgegriffene Gegensatz stellt zwei scheinbar konträre Erzählungen über die Stadtteile Neustadt-Neuschönefeld und Volksmarsdorf, meist kurz: Eisenbahnstraße, gegeneinander. Zwischen den jährlichen Kriminalitätsstatistiken und dem neuen, positiven Ruf der Stadtteile im Leipziger Osten werden die konkreten Probleme in den verschiedenen Lebensrealitäten der Menschen unter den Tisch gekehrt. Übergreifende Problemlagen, welche die meisten Menschen im Viertel auf unterschiedliche Weise betreffen und über soziale Milieugrenzen hinweg verbinden könnten, werden in die Privatsspäre verlagert und nicht in der Öffentlichkeit thematisiert. Dadurch werden soziale Probleme wie berufliche Perspektivlosigkeit, Mietprobleme und Angst vor Verdrängung, fehlende öffentliche Infrastruktur (Kinderbetreuungen, Schulen, Sozialberatung) und vieles mehr nicht politisch gelöst. Der Grundsatz des „Eigenen Glückes Schmied“ scheint das Leitprinzip der Studentin, des Gemüsehändlers, der Verkäuferin, der Jugendlichen, der Eltern und quasi allen Personen im Viertel. Nur an wenigen Orten tauschen sich Menschen über ihre jeweiligen Lebensrealitäten aus und betrachten diese im gesellschafltichen Zusammenhang. Meist bleiben die konkreten Probleme des Einzelnen im Privaten.
Diese Tendenz bringt einige Probleme mit sich. Viele Konfliktelinien verlaufen zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, die sich pauschalisiert und verkützt die Schuld an gewissen Problemen zu schieben. Und das obwohl all diese Menschen maßgeblich von den gleichen oder ähnlichen Problemen betroffen sind, die sich nur in anderer Weise äußern. Konkret bedeutet dies: Während sich Alteingessene über den starken Zuzug beschweren, da dies unter anderem über steigende Mieten Druck auf ihre Mietsituation ausübt, leiden auch Zugezogene mit und ohne Migrationshintergrund unter diesem Problem im Gesamtzusammenhang der Gentrifizierung. Statt die Probleme als politische Probleme anzuerkennen und gemeinsame Lösungen zu finden, werden Probleme oft individualisiert und auf sich oder andere Personen(gruppen) verlagert. Bspw.: „Wenn ich meine Miete nicht mehr zahlen kann, muss ich eben umziehen!“ oder „Diese ganzen jungen Hipster werten das Viertel auf, weswegen die Mieten steigen!“

Transformatives Community Organizing (TCO)

Transformatives Communitiy Organizing (TCO) geht von dem Grundgedanken aus, dass die allermeisten alltäglichen Probleme sich letztlich auf politische und gesellschaftliche Strukturen zurückführen lassen bzw. sich mit diesen verknüpfen lassen. Auch wenn der Schritt, die eigene Situation nicht nur individuell zu betrachten, sondern sich auch in den Problemlagen anderer wiederzuerkennen oft gar nicht so leicht ist, wollen wir diesen Versuch wagen. Dafür müssen die Rahmenbedingungen für einen offenen und ehrlichen Austausch vorhanden sein. Mit dem Ansatz des TCO wollen wir die gemeinsamen Probleme der Menschen, die rund um die Eisenbahnstraße leben sichtbar machen. Der Austausch darüber wie gewisse Umstände individuell eingeordnet werden (Was ist der Auslöser? Wie äußert sich das Problem? Wie kann es gelöst werden?), ist hierbei zentral. Dies soll Möglichkeiten eröffnen, die Positionen der Anderen zu erkennen und zu verstehen. Erst dann ist die Grundlage gegeben, sich solidarisch zusammenzuschließen und  gemeinsame Probleme auch gemeinsam anzugehen. Der zweite Schritt, die eigene Situation im gesellschaftlichen Kontext und politischen Rahmenbedingungen zu betrachten, ist wesentlich dafür sich mit anderen für eine nachhaltige Verbesserung der Lebensverhältnisse Aller einzutreten. Statt Probleme stark vereinfacht auf gewisse Personen(gruppen) zu verlagern oder diese als privat zu betrachten, müssen politische Lösungen angestrebt werden

Das Gemeinsame suchen!

Wir wollen eine Perspektive ermöglichen, in der eine individuelle Lösung nicht mehr das Ziel  ist. Das Gemeinsame, nicht das Trennende, soll der Ausgangspunkt für  eine politische Lösungsstrategie sein, die in der Lage ist, die verschiedenen Positionen im Stadtteil anzuerkennen und miteinzubeziehen. Die Praxis sieht vor, dass dafür viele kleine, praktische, methodische, gut organisierte, reflektierte und vor allem motivierte Schritte notwendig sind: Im ersten Schritt schauen wir uns den Stadtteil detaillierter an, um das heterogene Bild des Stadtteils in einer Karte sichtbar zu machen. (Stadtteilmapping) Wir führen Expert*innengespräche mit unterschiedlichen Akteur*innen aus dem Stadtteil, die einen ersten Einblick in die vielfältigen Problemlagen ermöglichen. In Veranstaltungen wie Vorträgen oder Diskussionsrunden sensibilisieren und aktivieren wir ein (bereits politisiertes) Publikum. Wir wollen Personen in einem zweitägigem Workshop als Projektpartner*innen gewinnen, um gemeinsam eine aktivierende Befragung durchzuführen, bei welcher Anwohner*innen ihre Sicht der Probleme schildern können. In den anschließenden Auswertungsprozess wollen wir alle Beteiligten (Expert*innen, Befragende und Befragte) einbinden. Dieser soll Ausgangspunkt dafür sein, einen Dialog zu starten und eine gemeinsame Lösungsstrategie zu entwickeln. 
Wir befinden uns auch auf einem Weg des Ausprobierens, welchen wir gemeinsam mit anderen Interessierten gehen wollen. Auch wenn wir schon ein paar Jahre stadtteilpolitische Arbeit machen, haben wir viele Fragen, aber dennoch die Zuversicht, dass wir während des Prozesses viel lernen werden. Dafür brauchen wir neue Perspektiven, Erfahrungen und Eindrücke, EURE Perspektiven!

+++ Workshopeinladung: Transformative Community Organizing +++

RAUS AUS DER BLASE.
RAUS AUF DIE STRAßE.
Die Eisenbahnstraße lebt von ihren Gegensätzen – Gibt es trotzdem Chancen auf eine gemeinsame politische Organisierung? Lässt sich übergreifende Solidarität aktiv herstellen?
  
Transformative Community Organizing (TCO) ist ein Versuch, eine  Grundlage für Solidarität zu schaffen, in einer Gesellschaft, die dafür  keine guten Voraussetzungen bietet (Individualisierung, Fragmentierung,  Prekarisierung). TCO ist ein Prozess dialogorientierter,  herrschaftskritischer, konfrontativer Basisorganisierung. Wir möchten  dich zu diesem TCO-Workshop einladen, der gleichzeitig Ausgangpunkt  für ein Organizing-Projekt im Leipziger Osten sein soll. Gemeinsam  wollen wir somit das Gelernte praktisch anwenden, um es nicht nur in  unseren Gehirnen oder Lebensläufen zu versauern lassen.
  
Wer? Na du und ich mindestens!
Wann? Samstag 29.09 & Sonntag 30.09.18 Start: 10 Uhr bis 18 Uhr
Wo? Kulturbüro, Mariannenstr. 101

Und was?

  • Samstag: Einführung in das Transformative Community Organizing, Weiterentwicklung des Stadtteilmappings Leipziger Osten, Vorstellung und Planung der Expert*innengespräche, Gemeinsame Aktionsplanung für Oktober
  • Sonntag: Einführung in die Methode der aktivierende Befragung,  praktische Übungsrunden, Gemeinsame Aktions- und Terminplanung Oktober

Anmeldung und Fragen unter zentrale@organize-leipzig.net

Es wäre schön, wenn ihr euch anmeldet und uns schreibt, damit wir möglichst gut planen können (Verpflegung etc.)
  
Das Gemeinsame suchen!
Das Politische erkennen!
ORGANIZE!
We need you!
Aufruf und Workshop

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